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Die Inflation frisst das Ersparte. Die Finanzmärkte straucheln, während die Notenbanken Geld ins Land pumpen. Wo also kann das Kapital sinnvoll eingesetzt werden? „In der deutschen Unternehmenslandschaft“, meint Jens-Uwe Sauer, Gründer der Crowdfunding Plattform Seedmatch.de. Wie das genau funktionieren kann, erklärt er im Interview. Crowdfunding bedeutet Massenfinanzierung. Das Prinzip ist einfach: Geschäftsideen samt Konzept werden online präsentiert. Investoren lassen sich davon überzeugen und investieren mindesten 250 Euro in neue Unternehmen, die Tampons als Werbeträger, digitale Kochbücher oder hochwertige Futterboxen vertreiben wollen. Dann geht das Hoffen los: Schließlich muss sich das Unternehmen am Markt behaupten. Denn nur dann gibt’s Geld zurück – mit satten Renditen. Das Risiko: Totalausfall, wenn außer den Geldgebern niemand die Geschäftsidee überzeugt. Doch was so salopp klingt, ist mit viel Kalkulation, Erfahrung und Marktverstand gekoppelt. Denn wer innovativ sein will, muss auch mutig sein. So wie Jens-Uwe Sauer, der vor zwei Jahren die erste deutsche Crowdfunding Plattform Seedmatch.de gegründet hat, die genau das macht: Geld der Investoren mit den Ideen der Start-ups zusammenbringen. Vielleicht eine Alternative zum Finanzmarkt? Finanzmonitor: Angenommen Sie sitzen bei einem Abendessen. Einer der Gäste sagt: „Ich weiß gar nicht, wo ich mein Geld anlegen soll. Die Finanzmärkte sind zu unsicher geworden. Die Zinsen der Banken begleichen gerade so die Inflation.“ Wie würden Sie ihm Seedmatch schmackhaft machen?
Jens-Uwe Sauer: An der Börse geht es um losgelöste Wetten, die von der Volatilität leben. Um diese zu verändern, wird fast jedes Mittel genutzt. Das hat nichts mehr mit den Fundamentaldaten eines Unternehmens zu tun. Bei Seedmatch geht es vielmehr um die Ideen, Innovationen und eine lebendige Unternehmenskultur. Wer sein Geld in eine Idee steckt, die ihn überzeugt, ist mit mehr Leidenschaft dabei, als jemand der eine Aktie kauft und zum bestmöglichen Preis am nächsten Tag wieder verkauft. Finanzmonitor: Wie genau funktioniert das? Sauer: Uns war wichtig, dass es möglichst unkompliziert abläuft und online umsetzbar ist. Also erwerben Sie über die Plattform eine Stille Beteiligung an einem frisch gestarteten Unternehmen, an dessen Idee Sie glauben und von der Planung überzeugt sind. Es gibt eine festgesetzte Laufzeit von mindestens fünf bis sieben Jahren. Ab einer Summe von 250 Euro geht es los. Das Risiko ist ziemlich hoch, weil man davon ausgehen muss, dass ein Unternehmen auch insolvent gehen kann. Dann verlieren Sie alles. Um aber das Risiko zu minimieren, empfiehlt sich eine breite Streuung. Im Grunde wie bei jedem anderen Portfolio auch. Finanzmonitor: Haben Sie auch Privatvermögen investiert? Sauer: Ja, in jedem Projekt steckt eine kleine Summe meines Vermögens. Finanzmonitor: Im August 2011 waren Sie selbst ein Start-up-Unternehmen, das Startkapital braucht. Wie haben Sie die Finanzierungsfrage gelöst? Sauer: Damals hätten wir uns über eine Plattform wie Seedmatch gefreut. Denn unsere Idee reifte in einer schwierigen Phase: Die Finanzkrise hatte gerade alle Investoren und Business Angels abgeschreckt. Anders als in Frankreich oder England ist es in Deutschland an sich schon schwieriger, Kapital für Start-ups zu erhalten. Banken sind noch vorsichtiger als Privatinvestoren. Also blieb uns nicht anderes übrig, als unsere Idee publik zu machen und Privatinvestoren zu suchen. Tatsächlich haben wir viele über unseren Blog erreicht, wo wir bereits seit 2010 die Geschäftsidee vorstellten. Denn auch wenn in Amerika das Konzept des Crowdfunding ziemlich verbreitet ist: In Deutschland waren wir „first mover“. Da muss man Überzeugungsarbeit leisten. Finanzmonitor: Was hat Sie denn von der Idee Massenfinanzierung überzeugt? Sauer: Während einer Reise in den USA habe ich mitverfolgt, wie Designer mit dem Namen lunatik bei der Crowdfunding Plattform kickstarter.com ihre Idee vorstellten. Sie hatten eine Uhr-App für den Ipod nano entwickelt und wollten 15.000 US-Dollar haben, um sie herzustellen. Innerhalb von 30 Tagen hatten sie knapp eine Million US-Dollar bekommen und dazu noch über 13.000 Produkt-Fans gewonnen. Finanzmonitor: Also auch gleichzeitig genug Abnehmer für Ihr Produkt. Sauer: Genau. Da wurde mir klar, welche Kraft in Crowdfunding steckt. Doch dabei muss man verschiedene Arten unterscheiden. Zum Beispiel sind Projekte auf kickstarter.com reward-based – bedeutet, dass beispielsweise Investoren eines Filmprojekts bei einer Summe von 500 US-Dollar im Gegenzug auf der Gästeliste der Premierenfeier stehen. Wiederum andere sind donation-based, also spendenbasiert, oder lending-based. Sprich: Dort wird Geld zu bestimmten Konditionen verliehen. Wir arbeiten hingegen equity-based, bedeutet, dass es um Investitionen von Eigenkapital geht. Anders als bei vielen Crowdfunding-Plattformen sollen die Investoren am Erfolg der Unternehmen teilhaben – auch finanziell. Investieren sie beispielsweise 250 Euro in ein Start-up, das nach fünf Jahren einen dreimal höheren Unternehmenswert aufweist, so können sie ihren Anteil verkaufen und bekommen 750 Euro zurück. Finanzmonitor: Gleichzeitig geht man aber auch ein großes Risiko ein. Denn niemand weiß, ob aus den Ideen und Konzepten etwas wird. Sauer: Das stimmt. Investments in Start-ups haben die höchste Risikostufe. Banken sind hier besonders vorsichtig und vergeben selten Kredite. Wir konzentrieren uns daher sehr auf den Auswahlprozess. Dazu gehört, dass uns die Idee überzeugt, neu und gesellschaftlich nachhaltig ist. Wir bekommen auch Anfragen aus dem Bereich Casino und Erotik – das wird einfach ignoriert. Ist ein Konzept erst mal ausgereift, laden wir das Team ein. Erst das persönliche Auftreten macht das Bild von einem Start-up komplett. Haben wir den Eindruck, das Team taugt nicht für ein effizientes und kluges Management, lehnen wir Projekte auch ab. Insgesamt können wir so nur drei bis vier Projekte pro Monat betreuen. Finanzmonitor: Auf Ihrer Seite werben Sie dafür „gemeinsam von einer lebendigen Unternehmenslandschaft zu profitieren“ – das klingt ein wenig nach einem Gutmenschenverein. Tatsächlich verdienen Sie aber Ihr Geld mit Investmentgeschäften. Wie passt das zusammen? Sauer: Wir glauben an Innovationen. Und wenn wir ein Projekt kennenlernen und prüfen, können wir nicht wissen, wie es sich am Markt behauptet. Aber die Tatsache, dass so viele Menschen das gleiche Urteil fällen wie wir, ihr Geld investieren mit dem Glauben eine Idee in die Welt zu tragen, birgt eine große Kraft. Anders als bei einer Aktie erzählen die Investoren ihren Freunden von dem Projekt, das sie unterstützen. Sie haben Interesse daran, dass es verwirklicht wird und helfen vielleicht auch mit Ideen und Kontakten weiter. Wir haben erlebt, dass junge Unternehmen zwar genug Kapital haben, aber noch zusätzlich Crowdfunding machen, um diese besondere Unterstützung zu erhalten. Demnach geht es bei uns zwar auch um Geld und Rendite, aber auch darum, die deutsche Unternehmenslandschaft mit zu gestalten. Finanzmonitor: Wie viel Geld konnte Seedmatch denn bisher generieren? Und was verdienen Sie daran? Sauer: Seit Gründung im August 2011 hatten wir 25 Start-ups, die fast alle mit 100.000 Euro Kapital ausgestattet werden konnten. Insgesamt liegen wir damit bei einem eingesammelten Kapital von 2,4 Millionen Euro. Davon erhalten wir zwischen fünf und zehn Prozent. Durchschnittlich gesehen haben also pro Start-up 161 Personen Kapital in Höhe von knapp 600 Euro investiert. Damit können wir bereits jetzt 1702 aktive Investoren – also Personen, die mindestens einmal investiert haben – benennen. Wobei da noch Luft nach oben ist: Denn auf unserer Plattform sind bereits über 9000 Nutzer registriert.
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